Von Sara Zagros

Als Frauen sind wir seit Jahrtausenden tagtäglichen Angriffen ausgesetzt; auf unseren Körper, der zum Sexualobjekt gemacht wird, ebenso wie auf unsere Psyche, um uns in der Position des schwächeren, des zweiten Geschlechts zu halten. Doch wo Unterdrückung herrscht, entsteht auch Widerstand, sei es durch organisierte Bewegungen oder durch einzelne Frauen. Um Widerstand leisten zu können, braucht es jedoch eine widerstandfähige Persönlichkeit – eine Frau, die sich selbst verteidigen kann. Wie sieht eine solche Persönlichkeit aus? Welche Eigenschaften zeichnen sie aus? Wie kann sie sich gegen ein System behaupten, das von männlicher Dominanz geprägt ist und sich seit Jahrtausenden aufrechterhält?
Um diese Fragen beantworten zu können, ist zunächst ein Verständnis der Geschichte notwendig. Wie verstehen wir Geschichte? Was lehrt sie uns? Sehen wir uns selbst als Teil dieser Geschichte und wer schreibt sie überhaupt? Um zu begreifen, wie wir an den heutigen Punkt der Gesellschaft gelangt sind, müssen wir die Geschichte lernen. Gleichzeitig wissen wir, dass sie überwiegend von Männern geschrieben wurde und deshalb nicht unkritisch übernommen werden kann. Es braucht die Bereitschaft, das Überlieferte ständig zu hinterfragen und nach der Wahrheit zu suchen. Als Frauen tragen wir die historische Verantwortung, unsere eigene Geschichte zu schreiben und uns selbst als aktive Gestalterinnen dieser Geschichte zu begreifen, die Veränderungen hervorbringen können.
Ebenso wichtig ist es, das System des dominanten Mannes und seine Methoden zu verstehen. Nur wenn wir erkennen, auf welche Weise Frauen unterdrückt und in Abhängigkeit gehalten werden können wir uns wirksam dagegen verteidigen. Dazu gehört auch, den Blick auf uns selbst zu richten. Welche Eigenschaften halten uns davon ab, freie Frauen zu werden? Welche Verhaltensweisen hindern uns daran, Mut, Selbstvertrauen und eine widerständige Persönlichkeit zu entwickeln? Sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist, darf nicht bedeuten, die eigenen Schwächen zu akzeptieren. Vielmehr müssen diese erkannt, kritisch betrachtet und überwunden werden. Wer ausschließlich die Schuld bei Männern sucht, sich dadurch in eine Opferrolle begibt und sich der eigenen Verantwortung entzieht, schwächt sich selbst. Damit akzeptiert man letztendlich den Zustand der Unterdrückung und gibt sich womöglich sogar mit ihm zufrieden. Dies wird auch den Frauen gegenüber ungerecht, die ihr Leben und auch große Opfer für die Befreiung der Frau gebracht haben. Natürlich ist es einfacher, keinen Kampf zu führen, doch genau diese Passivität erleichtert es dem System, Frauen weiterhin auszubeuten.
Was braucht eine starke Persönlichkeit?
Bereits seit ihrer Kindheit wird das Selbstbewusstsein vieler Frauen systematisch geschwächt. Ihnen wird beigebracht, ständig an sich selbst zu zweifeln und einem unerreichbaren Ideal nachzueifern, fehlerlos, perfekt und makellos zu sein. Doch Entwicklung entsteht gerade durch Fehler. Erst indem eine Frau Fehler macht, sie reflektiert und aus ihnen lernt, entwickelt sie sich weiter. Sie wird lösungsorientierter und gewinnt Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. In der Natur existiert keine Perfektion. Alles besitzt seine Mängel, doch diese definieren nicht das Wesen eines Lebewesens. Das herrschende System beraubt den Menschen und insbesondere die Frau ihrer Natürlichkeit und Menschlichkeit. Eine starke Frau ist deshalb eine Frau, die menschlich bleibt, Fehler macht, ihre Unvollkommenheiten annimmt und in ihrem Gesicht ihre Geschichte und ihre Vorfahren trägt, statt einem künstlichen Ideal nachzueifern. Sie verändert weder ihr Aussehen noch ihr Verhalten oder ihre Persönlichkeit, um Männern zu gefallen. Ihr Wert bemisst sich nicht an der Aufmerksamkeit, dem Verlangen oder der Lust eines Mannes. Sie definiert sich nicht über den männlichen Blick und widersteht dem systemischen Zwang, diesem entsprechen zu müssen.
Zu einer starken Persönlichkeit gehört ebenso die Bereitschaft, neugierig zu bleiben, zu lesen, sich weiterzubilden und den eigenen Intellekt kontinuierlich zu fördern. Gerade dies versucht das System zu verhindern, indem es Frauen mit Konsum, Oberflächlichkeit und Schönheitsidealen beschäftigt und ihre Aufmerksamkeit von ihrer eigenen geistigen Entwicklung ablenkt.
Gleichzeitig muss eine Frau lernen, ihre Gefühle und Emotionen zu reflektieren. Woher kommen sie? Was ist ihr Ursprung? Warum treten sie gerade in diesem Moment auf? Wie können sie sinnvoll kanalisiert werden? Weder sollten Emotionen das Handeln vollständig bestimmen, noch sollten sie unterdrückt werden. Erst ihre bewusste Auseinandersetzung ermöglicht einen selbstbestimmten Umgang mit ihnen.
Ebenso gilt es, die Mechanismen zu erkennen, mit denen Frauen dazu gebracht werden, sich selbst zu sexualisieren. Unter dem Namen des Feminismus wird häufig vermittelt, dass jede Entscheidung automatisch selbstbestimmt sei, solange sie freiwillig getroffen werde. Doch wirkliche Selbstbestimmung setzt voraus, die gesellschaftlichen Bedingungen und Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen, unter denen Entscheidungen überhaupt entstehen. Dafür braucht es ein organisiertes Bewusstsein. Dieses beginnt mit der Anerkennung der Unterdrückung der Frau und mit dem Verständnis, dass tiefgreifende Veränderungen nicht durch einzelne Frauen, sondern nur in der Gemeinschaft erreicht werden können.
Gerade deshalb versucht das System immer wieder, Frauen gegeneinander auszuspielen. Konkurrenz, Vergleiche und Eifersucht führen dazu, dass andere Frauen als Gegnerinnen statt als Verbündete wahrgenommen werden. Dadurch schwächen Frauen sich gegenseitig, anstatt sich zu stärken und gemeinsam Widerstand zu leisten.
Der Kampf um die Befreiung der Frau richtet sich deshalb nicht gegen den Mann als Individuum, sondern gegen das Herrschaftssystem des dominanten Mannes. Dieser Kampf muss gemeinsam von Frauen und Männern geführt werden. So wie Frauen sich verändern und sich von den Mechanismen der Unterdrückung lösen müssen, müssen auch Männer den dominanten Mann in sich überwinden. Die Verantwortung tragen beide Geschlechter. Gleichzeitig kommt der Frau eine besondere Verantwortung zu, da ihre eigene Befreiung nicht von anderen übernommen werden kann. Eine starke Frau wartet nicht darauf, gerettet oder befreit zu werden und erwartet nicht, dass andere ihren Kampf für sie führen.
Standhaftigkeit statt Nachahmung männlicher Dominanz
In der Geschichte war es immer die Frau, die Gesellschaften zusammengehalten sowie Werte, Sprache und Kultur bewahrt und weitergegeben hat. Gerade in einer Zeit, in der der Liberalismus immer stärker wird und damit auch die Angriffe auf das Wesen der Frau zunehmen, gewinnt diese Verantwortung an Bedeutung. Indem Kollektivismus und Gesellschaftlichkeit zugunsten des Individualismus zurückgedrängt werden, geraten auch jene Werte unter Gefahr, die Frauen über Generationen hinweg aufgebaut und bewahrt haben.
Gleichzeitig existiert ein falsches Verständnis davon, was eine starke Frau ausmacht. Häufig wird Stärke mit Eigenschaften verwechselt, die dem dominanten Mann zugeschrieben werden: Härte, Emotionslosigkeit, Empathielosigkeit, Gewaltbereitschaft oder das Streben nach Macht und dessen Ausübung. Manche Frauen übernehmen diese Eigenschaften in der Annahme, dadurch stark zu werden, und fliehen dabei vor ihrer Weiblichkeit, weil sie Weiblichkeit als Schwäche verstehen. Doch die eigentliche Frage lautet: Was bedeutet Weiblichkeit überhaupt? Welche Eigenschaften wurden Frauen durch das patriarchale System zugeschrieben und welche entspringen tatsächlich ihrer eigenen Essenz?
Eine starke Frau ist weder passiv noch schweigend. Sie verteidigt ihre Werte, ihre Kultur und ihre Würde, wenn diese angegriffen werden. Sie lässt nicht zu, dass das, was Frauen über Generationen mit großer Mühe geschaffen und bewahrt haben von Männern angeeignet, entwertet oder zerstört wird. Ihre Stärke zeigt sich nicht in der Nachahmung männlicher Dominanz, sondern in ihrem Bewusstsein, ihrer Standhaftigkeit, ihrer Menschlichkeit und ihrer Bereitschaft, Verantwortung für sich selbst und für die Gesellschaft zu übernehmen.