Von Nurhaq Vejîn

Was ist das Erste, das uns einfällt, wenn wir von Ideologie sprechen? Warum ist dieser Begriff für die meisten von uns heute so abstrakt? Was heißt es überhaupt, ideologisch zu sein oder wann ist man jemand, der sich einer Ideologie zuordnet? Sind Ideologien heute überhaupt noch so relevant? Drehen sich nicht alle Konflikte und Kriege schlussendlich um die Umsetzung einer Weltanschauung von der man überzeugt ist sie sei die beste?

Dies sind alles Fragen, die aufkommen, wenn wir uns mit der grundlegendsten Frage „wie leben?“ beschäftigen. Denn das Ziel eines jeden Menschen ist es schließlich dem eigenen Dasein einen Wert beizumessen. Unsere Antwort auf die Frage „wie leben“ formt unsere Haltung dem gesamten Leben gegenüber. Genau an diesem Punkt ist es wichtig zu verstehen was Ideologie ist und wie sie unser Leben beeinflussen. Denn in ihnen liegt die entscheidende Wichtigkeit in unterschiedlichsten Wertvorstellungen, die unser gesamtes Leben formen. Häufig hindert uns die Verwirrung um bestimmte Begriffe daran, Klarheit zu gewinnen. Doch ganz grundlegend kann man Ideologie als ein Denksystem beschreiben. In diesem Denksystem sind all unsere Ideen und Überzeugungen inbegriffen. Diese formen den Rahmen für all unsere Entscheidungen und unser Handeln. Das heißt all unsere Ideale, Utopien und unsere Weltanschauung bestimmen unsere Ideologie und andersherum. Hierbei ist eines ganz wichtig: Ideologien sind klar von Theorien zu unterscheiden!

Was unterscheidet Ideologien von Theorien? Nach der Definition, die wir genannt haben, sind Ideologien etwas sehr Lebendiges. Ideologien formen unser gesamtes Leben. Jede unserer Entscheidungen, all unsere Grenzen die wir ziehen, alles was wir befürworten und ablehnen, hängt schlussendlich von unserer Ideologie ab. Um dies noch besser zu verstehen, nehmen wir ein einfaches Beispiel. In einer konservativen Familie wird es häufig als normal angesehen, wenn die Eltern und dabei vor allem der Vater das Recht zur Entscheidung für die gesamte Familie besitzt. Dies wird von der Gesellschaft und auch von der eigenen Familie, sprich von Mutter und Kindern als „normal“ angesehen und sogar befürwortet und verteidigt. In einer sozialistisch und demokratisch geprägten Familie ist dies meist nicht der „normale“ Zustand. Die Wertevorstellungen sehen anders aus. Es wird ein demokratisches Zusammenleben angestrebt, deshalb ist die Entscheidung und Meinung jedes Familienmitgliedes wichtig zu beachten. In einer liberal geprägten Familie wäre die individuelle Freiheit beziehungsweise das Losgelöst Sein voneinander stärker ausgeprägt. Das heißt jeder kann entscheiden, was er will und für richtig hält, gemeinsame Entscheidungen sind gar nicht mehr wichtig und jedes Mitglied der Familie ist auf sich selbst gestellt und kann leben, wie es ihr oder ihm besser gefällt. 
Theorien jedoch sind hiervon zu unterscheiden. Viele Vordenkerinnen, Akademikerinnen oder Wissenschaftlerinnen stellen unterschiedlichste Theorien auf. Diese sind vielmehr abstrakt und ergeben sich aus verschiedenen Beobachtungen des Lebens. Es werden Hypothesen aus diesen Beobachtungen abgeleitet, die es dann zu bestätigen oder zu widerlegen gilt. Auf Grundlage dieser Beobachtungen versucht man sich mit verschiedensten Theorien das Leben besser zu erklären. Eine entstehende Theorie ist häufig eine Erkenntnis über verschiedenste Geschehen im Leben.

„Ich, Ich, Ich“ und die unendliche Ausbeutung

Und genau hier liegt der wichtige Unterschied! Ideologien sind Teil jedes Lebens und jeder Gesellschaft. Jede Gesellschaft und jedes Individuum sind von einem Denksystem geprägt. Jedes System und jede Epoche in der Geschichte ist oder war von unterschiedlichsten Werten und Idealen beeinflusst. Heute ist in vielen Staaten der Kapitalismus als System weitestgehend ausgeprägt. Doch was dieses System möglich macht zu existieren ist die Ideologie die dahintersteckt und jeden Tag weiter vertieft und verbreitet wird. Unbegrenzter Konsum, extremer Individualismus, Geld und Machtsysteme sind nur durch tiefgreifenden Liberalismus in der Gesellschaft möglich. Der Liberalismus ist die Ideologie des kapitalistischen Systems. Nur durch Gedanken und Aussagen wie „dein Gedanke zählt, dein Leben ist das wichtigste, du kannst tun und machen was du willst, du bist selbstständig, du kannst sein, wer du willst, etc.“ kann ein System der unendlichen Ausbeutung der Natur und des Menschen fortlaufend bestehen. Wer den Liberalismus tief verinnerlicht hat wird eigene individuelle Ziele immer vor die der Gesellschaft stellen, für diese Gesellschaften wird Konkurrenzkampf und immer stärkeres Streben nach Ruhm und Macht immer an erster Stelle stehen. Um dies zu erreichen ist man bereit jegliche Werte und Ideale hinter sich zu lassen. Diese haben keine Bedeutung mehr. Materielle Werte nehmen den Platz für Ideale ein. In einer solchen Gesellschaft besteht im Extremfall kein Schutz für gesellschaftliche Normen und Werte mehr. Jeder hat eigene Werte nach denen er oder sie lebt. Generell geltende Werte sind wieder nur das eigene Glück und das eigene Wohlhaben anzustreben. Das heißt es gibt kaum eine Grundlage auf der Menschen zusammenfinden und zusammenkommen. Andere Menschen werden vielmehr als Gegner anstatt eines Teiles ihrer Selbst angesehen. 

Sich ideologisch vertiefen


Sozialistische Werte zu leben und zu verteidigen heißt genau deshalb gegen all diese Neigungen des Liberalismus einzustehen und dagegen anzukämpfen. Ideologisch zu leben heißt also die Werte dieser Ideologie nicht nur zu verstehen und zu wiederholen oder auswendig zu wissen. Es heißt vielmehr diese Werte auszuleben. Weiter noch heißt es diese Werte und Ideale zu verinnerlichen und zum Teil des eigenen Charakters werden zu lassen. Sprich eine sozialistische geprägte Person ist wirklich ideologisch vertieft, wenn sie nach ihren Wertevorstellungen lebt. Diese alleine zu wiederholen und nur wiederzugeben führt zu reiner Demagogie. Oft täuschen wir uns und nehmen Personen, die viel Wissen über verschiedenste Themen und Bereiche haben, gut belesen sind und dies mit schönen Worten wiedergeben können, als sehr ideologisch wahr. Doch solange alles Wiedergegebene im Leben keine Wiedererkennung findet, ist dies kein ideologisches Leben.

Eine ideologisch gefestigte Gesellschaft lebt also nach ihren Werten und weiß, sie im richtigen Moment auch zu verteidigen. Egal welcher ideologische Angriff auch darauf abzielt diese Gesellschaft zu schwächen oder sie von ihren Zielen und Idealen abzuwenden, eine solche Gesellschaft wird nicht einfach zu verändern sein. Dasselbe gilt auch für das Individuum. Jedes Individuum, das in ihren oder seinen Prinzipien gefestigt ist, eine klare Weltanschauung hat, weiß, wie sie oder er leben will, lässt sich nicht davon abbringen. Ein klares Wertesystem ist deshalb gleichzeitig der Inbegriff für Selbstsein und Selbstverteidigung; und der größte Angriff auf ein ideologisch geprägtes Dasein ist der Liberalismus selbst. Der Liberalismus lässt zu, dass jede Art des Denkens und Handelns toleriert und als legitim angesehen wird. Sobald der Liberalismus verbreitet wird, ist man offen für individuelle Tendenzen und Präferenzen. So ist es vor allem für eine sozialistische Gesellschaft von Wichtigkeit, die Gesellschaftlichkeit vor extremem Individualismus zu schützen. Nur so können Gemeinschaftlichkeit, gegenseitiger Respekt, Kollektivismus, das freie Zusammenleben von Frauen und Männern und ganzen Gesellschaften miteinander erst möglich sein. Je stärker man sich in seinem Wertesystem vertieft und es verinnerlicht, desto klarer wird das Leben selbst. Wir kennen es alle aus unserem Alltag: Menschen mit klaren Prinzipien haben häufig starke Charaktere. Sie haben die Kraft, klare Entscheidungen im richtigen Moment und am richtigen Ort zu treffen. Deshalb sind sie oft ein Anhaltspunkt für die Gesellschaft. Sie sind die Quelle von Kraft und fähig mit klaren Perspektiven zu leben. Ihre Standhaftigkeit macht ihr Dasein aus. Schlussendlich sind es unsere Prinzipien, die uns zu dem machen, wer wir sind und uns von allen anderen unterscheiden. Dies sollte jedoch nicht mit Dogmen verwechselt werden. Ideologisch zu sein, heißt nicht, in Entscheidungen nicht flexibel zu sein. Ganz im Gegenteil, ideologisch vertiefte Gesellschaften und Personen sind auch in den schwierigsten Konfliktsituationen fähig, mit politischen Manövern ihre eigenen Werte und Normen zu verteidigen und sogar zu verbreiten. Dementsprechend ist es auch wichtig, Konflikte sichtbar zu machen. Dies sind die ersten Schritte, Probleme und Konflikte anzugehen und zu lösen. Ideologisch vertieft zu sein, heißt nämlich auch Probleme zu erkennen und sie anzugehen. Eine ideologische Person rennt nicht vor Problemen weg oder ignoriert sie, sie betrachtet sie als Quelle und Grund des unaufhörlichen Widerstandes. Gegenüber Ungerechtigkeiten ist eine sozialistische Gesellschaft also wachsam und auch immer bereit dagegen anzukämpfen. 

Selbsterhaltung und Selbstverteidigung durch ideologische Klarheit

Auch gegenüber anderen ideologischen Ausrichtungen wie dem Faschismus, Konservatismus oder Chauvinismus gilt es sich als Gesellschaft zu verteidigen. Vor allem uns als jungen Frauen kommt eine Vorreiterrolle zu. Oft sind es junge Frauen, die in Gesellschaften, die von solchen ideologischen Angriffen geprägt sind, diejenigen die am meisten zu verlieren haben. Jede Ideologie, die das freie Zusammenleben von Frauen und Männern nicht akzeptiert, als zweitrangig auffasst oder sogar dagegen ankämpft, bedeutet ein Verlust im freien Willen der Frau. Genau an dieser Stelle müssen wir unser wieder und wieder fragen „wie wollen wir wirklich leben? Können wir ein solches Leben akzeptieren?“ Eine Frau, die in ihrer Gesellschaft nicht ständig mit Sexismus, Unterdrückung, Gewalt und sogar jegliche Art der Vernichtung ihres Daseins überhaupt konfrontiert sein möchte, muss sich genau deshalb gegen diese – vor allem ideologischen Angriffe – wappnen. Eine sozialistische Frau zu sein und nach dieser Ideologie zu leben, heißt mit Liebe und Leidenschaft gegen Ungerechtigkeit anzukämpfen. Auch im Leben sollten sozialistische Frauen über klare Maßstäbe und klare Entscheidungen verfügen. Gedanken, die wir vertreten, gilt es im Leben auszuleben. Vor allem für Frauen ist es wichtig, hierbei keine Spaltung im Denken und Handeln zu schaffen. Oftmals wird das zu geringe Ausleben von Werten zum Hindernis für Veränderungen. Doch die Hoffnung und die Liebe für Veränderung kommt genau aus dieser ideologischen Vertiefung und standhaften Haltung. Egal welchen Angriffen man auch ausgesetzt ist, solange eine starke und tiefe ideologische Ausprägung existiert und diese durch einen organisierten Kampf verteidigt wird, kann eine Ideologie, sprich in unserem Fall ein sozialistisches Leben, nicht zerstört werden. Vor allem junge Frauen haben diese Dynamik und den Geist der Veränderung. Meist sind sie es, die als erste Ungerechtigkeiten spüren und nicht akzeptieren. Doch erst ein mit klaren Werten ausgeprägtes Leben macht die Veränderung und den Kampf möglich. Das heißt eine mentale, organisierte und ausgelebte Selbstverteidigung beginnt im Gedanken und bei der ideologischen Klarheit, welche man durch ideologische Bildung und Vertiefung erlangt. Nur so sind Selbsterhaltung und der Schutz vor Assimilierung, Gewalt und Vernichtung des Daseins vor allem für junge Frauen möglich.

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