Von Ceylan Aldemir


Warum ist Selbstverteidigung für die Frau heute unumgänglich?

Heute leben wir in einer Welt asymmetrischer Machtverhältnisse. Das Patriachat ist älter als den meisten Menschen tatsächlich klar ist. Viele der bekannten Religionen bringen Frauen in die Rolle derer, die kontrolliert und gezähmt werden müssen, um eine „Ordnung“ aufrecht zu erhalten. Ob es die religiösen Lehren selbst oder ihre jahrhundertelange männlich geprägte Auslegung ist, sei dahingestellt. Entscheidend ist, dass beides Frauen historisch in eine Position der Schuld gedrängt hat. 

Die Allgemeinheit hat diese Sichtweise bereitwillig angenommen und hat sie in der Vergangenheit sogar mithilfe der Wissenschaft und Medizin gestärkt. Um nur einige grundlegende Bespiele zu nennen: Im antiken Griechenland sprach man von einer „wandernden Gebärmutter“ als Ursache für eine „zu rebellische“, „zu emotionale“ oder „zu sensible“ Frau, was später zur Diagnose der „Hysterie“ führte. Der französische Anatom und bis heute anerkannte Neurologe Paul Broca vermaß im 19. Jahrhundert Schädel und schlussfolgerte aus dem physischen Unterschied eines weiblichen und männlichen Schädels und Gehirns die intellektuelle Unterlegenheit der Frau. Diese Studien gepaart mit dem religiösen Blick auf die Frau, schuf das Bild des „schwächeren Geschlechtes, das von ihrem Körper kontrolliert wird und einen instabilen Geist in sich trägt. Unfähig, ihre eigenen Handlungen und Denkweisen zu bestimmen oder eine Meinung zu bilden.

Die Unterdrückung in Politik, Bildung und öffentlichem Leben fand damit ihren Nährboden und so bildete sich daraus das Patriachat als Wurzel und das kapitalistische System als heutiges Gesicht dieser frauenverachtenden Ideologie. Bis heute führt das dazu, dass Frauen in jedem Bereich ihres Lebens Benachteiligungen oder gar Gewalt ausgesetzt sind. Über Jahrhunderte nutzte man all das als Grundlage um zu bestimmen, wie eine Frau sein muss. Also schuf man ein Idealbild von der Frau, welches den Wünschen des Mannes entspricht und dieses wird Frauen bereits im Kindesalter vermittelt. Wie eine Form, in die wir alle gegossen werden sollen. Das Ausmaß der Grausamkeiten, die Frauen weltweit ertragen müssen ist unvorstellbar.

In einem im März 2026 veröffentlichten Bericht hat UN Woman erklärt, dass weltweit kein Land die Gleichstellung von Frauen und Mädchen vor dem Gesetz erreicht hat. Verbrechen an Frauen werden auch heute im 21. Jahrhundert zugunsten des männlichen Vergnügens bagatellisiert und danach richtet sich auch die Gesetzeslage. Somit ist für Frauen auch das Vertrauen in die Justiz nahezu unmöglich. Schließlich debattieren Frauen nach wie vor im Kampf um Gleichstellung, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.

Notwendigkeit der Selbstverteidigung

Unter diesen Umständen wird Selbstverteidigung zur Notwendigkeit. 

Die französische Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir berichtet in ihrem Buch „Das andere Geschlecht“ von einer Begegnung mit einem jungen Mann. Dieser sagt ihr, dass Männer Frauen fürchten, die keine Angst vor ihnen haben. Dieses Bekenntnis aus dem Munde eines Mannes dürfen wir als Warnung betrachten. Selbstverteidigung ist somit der Weg der Frau, ihre eigene Identität zu erkennen, sie zu schützen und sich selbstbewusst aus dieser aufgezwungenen Form zu lösen.  Selbstverteidigung ist eine Haltung, die uns unserer Freiheit näherbringt. 

Hierzu schreibt Rêber Apo in seiner Verteidigungsschrift „Jenseits von Staat, Macht und Gewalt“ folgendes: „Der erste Schritt zur Freiheit der Frau ist, die Frau in die Lage zu versetzen, selbst zu einer subjektiv handelnden Kraft zu werden. Daher muss man sich hüten, irgendwelche Arten von Besitzansprüchen an sie zu stellen. Die heute modische Auffassung von Liebe ist mit Besitzansprüchen kräftig aufgeladen und daher sehr gefährlich. […] Respekt vor der Frau und Unterstützung für ihre Freiheit bedeutet vor allem, sich die Tatsachen einzugestehen und sich ernsthaft und aufrichtig darum zu bemühen, sie im Sinne der Freiheit zu ändern. […] Es ist die vielleicht wertvollste revolutionäre Anstrengung, die Frau physisch, psychisch und seelisch zu stärken.“ (Seite 268)

Was bedeutet es, sich selbst zu verteidigen?

Das Fundament unserer Freiheit und Unabhängigkeit lässt sich auf drei Säulen der Selbstverteidigung aufbauen. 

1 – innere Selbstverteidigung

Die erste Säule beschreibt die innere Selbstverteidigung. Der Aufbau einer unerschütterlichen Geisteshaltung durch Bildung. Es ist wichtig seine eigene Geschichte und Identität zu kennen. Die Umstände, die zu der Gesellschaft geführt haben, in der wir leben, müssen erkannt und verstanden werden, bevor man sich von ihnen befreien kann. Durch Bildung erkennen wir Muster und sensibilisieren uns für geschlechterspezifische Rollen, die uns heute aufgedrängt werden. Eine gleichermaßen hohe Priorität hat das Wissen über jene, gegen die wir uns verteidigen möchten. Nesrîn Abdullah, Kommandantin der Frauenverteidigungseinheit YPJ (Yekîneyên Parastina Jinê), macht dies im November 2025 in einem Interview mit Junge Internationalistische Frauen deutlich, indem sie folgendes sagt: „Wir müssen den ideologischen, den philosophischen und den gesellschaftlichen Feind erkennen. Das war für uns sehr wichtig. Wir haben den Feind auch auf der Seite des Verstandes, der Triebe und des Geistes betrachtet. Du musst wissen, wer dein Feind ist. Du musst wissen, mit welcher Methode dein Feind dich angreift. Was ist sein Gedanke, was ist seine Strategie, was ist seine Taktik, was sind seine Methoden, was ist sein Ziel? Du musst dir über deinen Feind im Klaren sein.“ (S. 15). Nach diesem Prinzip baute die YPJ neben der bewaffneten Verteidigung der Gebiete in Rojava auch Akademien auf, die gezielt durch autonome Bildung die intellektuelle Unabhängigkeit und das freie Denken der Frau fortwährend fördert. 

2 – Wahrnehmung und Selbstbehauptung

Die zweite Säule der Selbstverteidigung findet sich auf sozialer Ebene wieder und wird durch Wahrnehmung und Selbstbehauptung definiert. Hier geht es um Kommunikation und Deeskalation. Dadurch, dass wir in der ersten Säule bestimmt haben, wogegen wir uns verteidigen möchten, haben wir ein Bewusstsein geschaffen und erkennen es, wenn unsere Identität angegriffen wird. 

Der Kommunikationswissenschaftler ⁠Paul Watzlawick sagte: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“

Menschen erzählen uns, ohne zu sprechen mehr über sich, als sie vielleicht beabsichtigen. Die Körpersprache unseres Gegenübers zu lesen, hilft uns Gefahren einzuschätzen oder sogar den nächsten Schritt zu erahnen. Wir nehmen Veränderungen in unserem Umfeld wahr und können darauf reagieren. Im Gespräch erkennen wir den Unterton in Gesagtem. Kenntnisse über die Ideologie des Gesprächspartners durch genaues Zuhören helfen uns den weiteren Verlauf zu bestimmen. Verbal und nonverbal verteidigen wir unsere Überzeugungen und setzen Grenzen. Wir können Situationen frühzeitig verlassen, wenn erkennbar wird, dass wir uns im Ernstfall nicht allein verteidigen können.  Unsere Bildung ermöglicht es uns Widerspruch auszuhalten und wirkungsvoll darauf zu reagieren. Wir erkennen Stigmata im gesellschaftlichen Umgang und lernen nur Rollen einzunehmen, die wir tatsächlich ausfüllen möchten. Aus dem geschaffenen Idealbild der Frau bedienen wir also nur das, was unserer individuellen Natur entspricht. Wir entscheiden und wir leben diese Entscheidung.  

3 – Körperliche Selbstverteidigung

Die letzte Säule ist die wohl bekannteste und beschreibt die Verteidigung auf körperlicher Ebene. Für diese Form gibt es zahlreiche Möglichkeiten in Form von Kampfsportarten oder Kurse speziell für die Selbstverteidigung der Frau. Das bloße Erlernen der Techniken geht über den physischen Aspekt hinaus und schafft eine innere Sicherheit und Souveränität, die sich auch im Außen zeigt. Wer sich zu wehren weiß, strahlt diese Kraft auch aus.  

An diesem Punkt ist aber deutlich erkennbar, dass die drei Säulen nur im gemeinsamen Einklang miteinander effektiv sind. 

Ein starker Körper braucht einen starken Geist und Technik allein reicht da nicht aus.  

Das habe ich vor einigen Jahren gelernt, als ich eine Selbstverteidigungskurs. Der Trainer hat uns Techniken aus Krav Maga vermittelt, mit denen wir uns bei körperlichen Übergriffen in unterschiedlichen Situationen schützen können. Er hat uns den Bewegungsablauf erklärt und erläutert, dass die Handgriffe sogar ohne großen Kraftaufwand wirken, wenn man die richtigen Punkte aktiviert. In einer Trainingseinheit wurde mir ein Partner zugewiesen, der den Angreifer simulieren sollte. Er nahm mich von hinten in den Würgegriff. Meine Aufgabe war es, mich zu befreien, die Situation unter Kontrolle zu bekommen, ihm den Atem zuzuschnüren und erst loszulassen, wenn er abklopft. Nur so könne ich bewerten, ob ich die Bewegungen richtig ausgeführt habe. Ich habe mich aus seinem Griff befreit, aber ich habe es nicht geschafft ihn so außer Gefecht zu setzen, dass er von mir abgelassen hätte. Obwohl ich die Technik kannte und sie auch effizient ausgeführt habe, gab es in meinem Inneren etwas, dass mich so sehr blockiert hat, dass ich die Übung nicht zum Abschluss bringen konnte. Meine ursprüngliche Absicht war es Selbstverteidigung zu erlernen, um mich sicherer zu fühlen, doch ich habe erkannt, dass mir der Kurs allein im Ernstfall nur mäßig weiterhelfen wird. Und ich war nicht die Einzige, die dieses Unbehagen empfand. 

Körperliche Selbstverteidigung besteht nicht nur daraus Techniken zu erlernen, sondern auch Hemmungen zu überwinden, die uns unterbewusst stoppen. Das ist der Schnittpunkt, an dem alle drei Säulen aufeinandertreffen. Das Verständnis dafür, wann körperliche Wehr legitim und sogar notwendig wird, ist hierbei ein Kernpunkt. 

Selbstverteidigung ist mehr als Schutz 

Selbstverteidigung in diesem Sinne zu verinnerlichen bedeutet, sich aus einem Zustand des Erduldens zu erheben in eine Position des Erschaffens. Dadurch wecken wir unsere innere Kraft. Es gibt uns unsere Individualität zurück, wenn wir die Formen ablehnen, die man uns aufdrängt. Wir lernen frei zu sprechen und zu handeln, zu unserem eigenen Wohl und dem Wohl der Gemeinschaft und nicht für ein kapitalistisches System oder das Patriachat. Es gibt uns unsere eigene Stimme zurück. Wir besetzen unseren Platz in der Öffentlichkeit und rücken aus dem Hintergrund wieder in den Vordergrund. 

Doch wir verteidigen nicht nur uns selbst. Wir schaffen eine Umgebung für wahres Wachstum und begeben uns in eine Richtung der Selbstermächtigung. Und auf diesem Weg nehmen wir auch andere Frauen mit. Frauen, die die zukünftigen Generationen prägen dürfen. Frauen, die eine Ideologie weitergeben, die Gleichheit, Freiheit und Unabhängigkeit fördert und jede Form der Unterdrückung verurteilt. 

Selbstverteidigung ist mehr als Schutz. 

Es ist unsere Stimme, unsere Würde und der Platz in der Welt, den wir für uns und die Frauen nach uns einnehmen.

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