Begegnungen mit Rêbertî – von Berivan Sara

Als Kurdin, die in Europa aufgewachsen ist habe ich die meiste Zeit meines Lebens ohne starke Verbundenheit zumeiner kurdischen Identität gelebt. Die europäische Assimilationspolitik und das Fernsein von der Heimat haben dazubeigetragen. Doch irgendwann kommt der Zeitpunkt an dem man sich auf die Suche nach den eigenen Wurzelnmacht. Angefangen hat das bei mir mit der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Teilen Kurdistans undals ich über die Rojava-Revolution gelesen habe. Da habe ich auch zum ersten Mal von Rêber APO gelesen. Weil ich davor auch nichts davon gehört hatte, dass in Rojava nach dem Paradigma von Rêbertî ein alternativesGesellschaftssystem aufgebaut wird, fand ich das ganze Thema ziemlich befremdlich. Aber als dann im Geschichtsunterricht über den Syrien-Konflikt gesprochen wurde, aber die KurdInnen nur nebenbei erwähnt werden und auf eine weitere bewaffnete Gruppe in Syrien reduziert wurden, hat mich das wütend gemacht! Davor habeich den Geschichtsunterricht in der Schule nie kritisch hinterfragt. Für mich war Geschichte eine Vergangenheit, welche nichts mit dem Jetzt zu tun hat und mich erst recht nicht betrifft. Aber nachdem ich mich nach und nach mehrmit den Gedanken von Rêbertî auseinandergesetzt habe, habe ich ein besseres Verständnis entwickelt, wie sich dieIdeologie des kapitalistischen Systems auch im Schulsystem verbreitet und was damit bezweckt wird. Als kolonisiertes Volk wurde unsere Geschichte von unseren Unterdrückern und den Hegemonialkräften geschrieben, umuns weiterhin in der Position der Unterdrückten zu halten und uns besser assimilieren zu können. Es stehtnatürlich nicht im Interesse des Systems uns vom Paradigma Rêber APOs zu erzählen und uns somit aufzuzeigen, dass ein alternatives System nicht nur eine reine Utopie ist. Innerhalb des Systems wird die Geschichte von Männern miteurozentrischer und orientalistischer Sicht geschrieben, und wird als vergangene, aneinanderreihendeEreignisse, die nicht mit der Gegenwart verbunden sind, gesehen.

Rêber APO sagt, um uns selbst zu kennen müssen wir zuerst unsere eigenen Wurzeln kennen und diese finden wir inder Geschichte. Da die Geschichte bis jetzt von Männern geschrieben wurde und die Versklavung der Frau über mehrerezehntausend Jahre reicht, müssen wir vor allem als Frauen die Geschichte der freien Frau schreiben, lernen undverstehen. Denn Rêbertî analysiert die Probleme der Gesellschaft nicht nur, sondern findet für diese auch konkreteLösungen und setzt Theorie direkt in die Praxis um, angefangen bei seiner eigenen Person. Als junge Frau hat daspatriarchale System versucht mich, so wie alle anderen Frauen ohne Selbstvertrauen zu lassen und in eine passive Rollezu drängen. Das System sieht die Kraft der Jugend, welche Wandlungen voranbringt, als Gefahr und verfolgtdaher schon seit Jahrtausenden eine bewusste Strategie, um uns zu unterdrücken. Jugendliche werden als naiv undunerfahren abgestempelt und ohne Selbstvertrauen zurückgelassen. Viele wollen ihre eigenen Unsicherheitenüberwinden und sich weiterentwickeln, aber machen dies oftmals aus falschen Gründen und mit falschenMethoden. Uns wird weiß gemacht, dass die Probleme, die wir mit uns selbst haben individuelle Probleme sind, die wiralleine mit individualistischen Methoden überwinden können.

Isoliert, um an mir selbst zu arbeiten?!

Mit „Self-improvement“ oder „Self-Care“ sich selbst priorisierend, seine FreundInnen und Familievernachlässigend, um nur sich selbst zu verbessern. Sei es zum Yoga oder in das Fitnessstudio gehen,Meditieren und dutzende neue Hobbys auf einmal anfangen. Wir können unsere Probleme jedoch nicht von derGesellschaft isoliert betrachten. Die Lösungen, die uns das System gibt, welche nur ihm selbst dienen, bringt unsere Persönlichkeit nicht weiter und löst auch nicht unsere Probleme. Auch ich bin in diese Falle getappt, ich war unzufriedenmit mir selbst und habe mich eine Zeit von meinem sozialen Umfeld isoliert, um an mir selbst zu „arbeiten“.Zufriedener wurde ich dadurch nicht mit mir selbst, im Gegenteil, ich hatte wenig sozialen Kontakt und dadurch ginges mir schlechter. Meine Gründe, um mich weiterzuentwickeln waren auch falsch, denn es ging mir nur um mich selbstund vor allem auch darum, wie andere mich sehen. Die Grundlage von Rêbertîs Verständnis fürPersönlichkeitsentwicklung ist die Freiheit selbst. Was braucht es um eine freie Gesellschaft zu erschaffen? Die freieFrau und den freien Mann. Aber wie sehen die denn aus, was sind ihre Eigenschaften und wie können wir uns an dieses Ziel hinbringen? All diese Fragen hat sich Rêbertî gestellt, für diese hat er auch Antworten gefunden und jene hat er als aller erstes bei sich selbst angewandt. Davor hatte ich kein Bewusstsein dafür und habe meine Problemenicht mit den gesellschaftlichen Problemen verbunden und mich selbst auch nicht gefragt, was der Ursprung von ihnenist.

Wir entwickeln uns nicht individuell weiter, sondern gemeinsam und beeinflussen einander auch positiv. Unser allerZiel sollte es sein wie Rêbertî ständig in Veränderung zu sein und eine Persönlichkeit zu entwickeln, welche unszur Freiheit bringt.

Je mehr ich Rêbertî kennenlerne desto mehr Mut und Kraft schöpfe ich, um mich von den Einflüssen deskapitalistischen und patriarchalen Systems zu befreien. Rêbertî hat nie die Neugier eines Kindes verloren und durch ihn habe ich meine zurückgewinnen können. Durch die Begegnung mit Rêber APO habe ich angefangen mich selbstkennenzulernen.

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