Von Mazda Maria

In Zeiten in denen der Militarismus, die Aufrüstung, die Kriege jedoch auch die Gewalt in der Gesellschaft zunehmen, fragen wir uns doch alle mehr: Wo bleibt die Menschlichkeit? Kann die Welt so weiter gehen? Wie können wir die aktuellen Probleme lösen und wer wird uns die Lösung bringen? Rêber APOs Modell des Demokratischen Konföderalismus und sein Konzept der demokratischen Nation haben weltweit Hoffnung für eine Alternative jenseits von Staat erweckt. In seinen Projekten steht das Organisieren der Kommunen im Vordergrund. Die Kommune ist in der Praxis die kleinste Einheit der Organisierung innerhalb der Gesellschaft, sie ist eine Form von Mini-Gesellschaft. Eine Zusammenkunft von Menschen, die ihr Leben gemeinsam gestalten, gemeinsame Ideen und Vorstellungen erarbeiten und Lösungen für alltägliche Probleme finden. Die Kommune ist eine grundlegende, natürliche Lebens- und Entscheidungsform der Gesellschaft. Im Kontext Rêber APOs Philosophie ist sie eine freiwillige Vereinigung von Menschen in Nachbarschaften oder Dörfern, die sich basisdemokratisch selbst verwalten, ihr eigenes Leben gemeinsam organisieren und alle wichtigen Fragen in Versammlungen diskutieren und beschließen. Die Kommune stellt sich damit gegen den hierarchischen Nationalstaat und das kapitalistische Profitdenken und hat zum Ziel, ein kollektives, ökologisches und befreites Leben aufzubauen, in dem die Befreiung der Frau eine zentrale Rolle spielt. Bis hier hin alles schön und gut, doch reicht es sich auf kollektive Verwaltung zu einigen und ein demokratisches Projekt zu haben um ‚kommunal zu leben‘?

Demokratische Mentalität

Die Kommune ist keine rein physische Zusammenkunft. Die Schaffung demokratischer Systeme und Modelle – seien es Rätestrukturen, Kommunen oder basisdemokratische Strukturen – ist zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für ein wahrhaft demokratisches Leben. Die Strukturen bleiben leere Hüllen, wenn sie nicht von einer entsprechenden demokratischen Mentalität durchdrungen werden. Demokratische Mentalität bedeutet, die Prinzipien der Kollektivität, der Gleichberechtigung, des ökologischen Lebens, der Freiheit der Frau und der gemeinsamen Verantwortung nicht nur auszusprechen und in den Sitzungen und dem Leben zu diskutieren, sondern sie zur inneren Haltung werden zu lassen. Solange in den Köpfen der Menschen noch die Hierarchien, der Sexismus und der Individualismus des alten Systems fortbestehen, werden diese die neuen demokratischen Strukturen von innen heraus untergraben. Daher ist der Aufbau einer demokratischen Gesellschaft untrennbar mit dem persönlichen und kollektiven Kampf um eine Veränderung des Bewusstseins verbunden.

1986 – Beginn der Persönlichkeitsanalysen

Gerade die 80er Jahre zeigten deutlich: Das kapitalistische System – und ganz besonders die Kolonialisierung – hatte einen enormen Einfluss auf die kurdische Gesellschaft. Nun waren es gerade die Menschen aus dieser Gesellschaft, die der kurdischen Freiheitsbewegung beitraten, um ein freies Kurdistan aufzubauen. 

Frantz Fanon schreibt in ‚die Verdammten dieser Erde’: „Der Kolonialismus ist nicht zufrieden damit, dem Volk seine Gegenwart und seine Zukunft in die Hand zu nehmen. Er macht sich auch daran, die Vergangenheit zu verfälschen. Er entstellt, verleumdet und zerstört sie und lässt schließlich die Kolonisierten in einer geistigen Unwahrheit und Entfremdung über sich selbst leben.

Die ‚Köpfe‘ waren kolonialisiert. Schon nach dem 15. August 1984, also nach der ersten bewaffneten Guerillaaktion, sagte Rêber APO, dass die Kugel, die am 15. August 1984 abgefeuert wurde, nicht dem Feind, sondern der Kaserne in unseren Köpfen galt. Mit einem kolonialisierten Bewusstsein, mit einer sexistischen Mentalität und feudalem Charakter, können keine freiheitlichen, sozialistischen RevolutionärInnen entstehen, welche die Gesellschaft befreien und ‚Kurdistan aufbauen‘. Und wer sollte die Gesellschaft denn sonst ändern, wenn nicht die VorreiterInnen dieser Revolution? Diese Einsicht sorgte dafür, dass Rêber APO ein klares Lösungsmodell anstrebte. Im dritten Kongress der PKK (1986) begann er mit den Persönlichkeitsanalysen, in denen er soziologische, historische und persönliche Analysen zu den VorreiterInnen machte. Ziel war die Erkennung, dass das eigentliche Problem nicht der Feind im klassischen Sinne war, sondern der ‚Feind im Inneren‘. Er argumentierte, dass die jahrhundertelange koloniale und patriarchale Herrschaft nicht nur äußere Strukturen, sondern auch eine ‚kapitalistische Moderne-Persönlichkeit‘ geschaffen hatte – eine Persönlichkeit, die von Hierarchien, Gehorsam, Dogmatismus und Selbstentfremdung geprägt war. Ziel war eine geistig-ideologische Revolution. Nur so konnte eine neue, sozialistische Persönlichkeit entstehen, die fähig ist, eine wirklich demokratische, kommunale und befreite Gesellschaft ohne Staat und Kapitalismus aufzubauen. Der Kampf um die Gesellschaft musste also im eigenen Selbst beginnen.

Die Gesellschaft muss sich selbst befreien

Dabei ist der Kern des Sozialismus-Verständnisses von Rêber APO die Demokratie. In seinen neuen Schriften spricht er oft vom „demokratischen Sozialismus“ und betont nachdrücklich Begriffe wie die Kommune. Er geht sogar so weit, dass er seine berühmte Parole „auf den Sozialismus zu beharren bedeutet auf Menschlichkeit zu beharren“ geändert hat in: „Auf die Menschlichkeit zu beharren bedeutet auf den Sozialismus zu beharren!“ Doch was genau bedeutet das? Er stellt keine Ideologie in den Vordergrund, auch nicht seine eigene. In Zeiten der gesellschaftlichen Krisen und des Zerfalls der Menschlichkeit setzt er genau da an, wo es am Dringendsten nötig ist: Die Menschlichkeit. Sozialismus ist nicht nur eine politische oder wirtschaftliche Theorie. Es ist eine demokratische Lebensart und Mentalität, mit der wir eine freiheitliche moralisch politische Gesellschaft aufbauen können. Sie steht nicht vor der Menschlichkeit – nein es ist die Menschlichkeit, auf die wir uns konzentrieren müssen, um SozialistInnen zu werden. Und mit der Menschlichkeit ist hier gemeint, dass wir die demokratischen und moralischen Werte der Gesellschaft zurückgewinnen müssen. Sonst finden wir keinen Ausweg aus der Gewalt und den Zerstörungen. Es geht auch nicht mehr darum, dass die Gesellschaft auf Hilfe von oben oder von außen bittet. Die Gesellschaft wird nicht befreit, sie muss sich selbst befreien. Sie muss Verantwortung für sich selbst übernehmen und ihr das zurück erkämpfen, was ihr genommen wurde: Ihre Selbstbestimmung und ihre Freiheit!

„Um wirklich handeln zu können, muss der Mensch wieder fähig werden, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und zu antworten auf das, was er tut. Verantwortung und Antwort sind ein und dasselbe.“

Erich Fromm, ‚Die Furcht vor der Freiheit‘ (1941)

Eine demokratische freie Gesellschaft, kann nur von Menschen aufgebaut werden, die sich selbst konfrontieren, die mit sich selbst kämpfen, um ihre Persönlichkeit zu demokratisieren, zu befreien. Das braucht Verantwortung – Verantwortung, für sich selbst, für die eigenen Taten, aber auch Verantwortung für das ganze Kollektiv, die Mitmenschen und die Gesellschaft. Es mag sein, dass wir nicht selbst verantwortlich sind für die Einflüsse des Patriarchats und des kapitalistischen Systems. Doch wir haben ganz sicher die Möglichkeit, die Verantwortung und auch das Recht, uns von diesen Einflüssen zu befreien. Dafür müssen wir auf Menschlichkeit beharren, um demokratische SozialistInnen zu werden und unsere Zukunft selbst in unsere Hände zu nehmen.

 

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