von Delal Zagros

„Menschsein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt fest und klar und heiter sein. Ja heiter, trotz alledem und alledem, denn das Heulen ist Geschäft der Schwäche. Menschsein heißt sein ganzes Leben auf das Schicksalsgroße Waage freudig hinzuwerfen, wenns sein muss sich zugleich aber an jedem hellen Tag und an jeder schönen Wolke zu freun. Ach ich weiß keine Rezepte zu schreiben wie man Mensch sein soll, ich weißt nur wie mans ist.“ (Roza Luxemburg, Dezember 1916) 

Wenn Rêber APO über Menschlichkeit schreibt, wenn er davon redet, dass auf die Menschlichkeit zu beharren bedeutet auf den Sozialismus zu beharren, klingen auch die Wörter Roza Luxemburgs darin wieder. Es scheint, als hätten sie sich gekannt, sich getroffen, miteinander diskutiert bei einem Çay oder Kaffee. Man kann darin große Bedeutung erkennen, VorreiterInnen und VordenkerInnen, die uns immer wieder darauf hinweisen unser Augenmerk auf die gute Laune des Lebens zu werfen. Sie weisen uns darauf hin, dass Heiterkeit, Moral, das Lächeln des Lebens Eigenschaften des Menschseins, der Menschlichkeit sind. Und in der Menschheit steckt der Sozialismus verborgen. Frauen, wie sie, denen auch Rêber APO eine große Rolle zuschreibt, die nicht nur versuchten sich selbst aus den unterdrückerischen Klauen des Patriarchats zu befreien, sondern zugleich ihre ganze Gesellschaft, alle Gesellschaften, die ganze Welt. 
Auch sie war zu der Zeit in der sie lebte, geboren in Polen und später den politischen Wandel in Deutschland voranbringend, als Frau sehr eigenständig und emanzipiert, sie konnte 5 Sprachen, war zugleich Wissenschaftlerin. Sie engagierte sich ständig die Ausbeutung des Kapitalismus aufzudecken, wies immer auf die Ungleichheit zwischen Arm und Reich hin und wurde damit zu einer Kraft der Orientierung für die Gesellschaft: sie, die laut sagte, dass der Kapitalismus dem Menschen Schaden zufügt, zu Kriegen und der Zerstörung der Natur führt. Damals sprach sie, heute sprechen andere diese Worte und entwickeln jene Gedanken weiter. Sie war eine kompromisslose Sozialistin und Internationalistin. Sie war überzeugt, dass Nationalismus spalten würde, sie setzte sich gegen Ausbeutung und Unterdrückung ein, war eine Antikolonialistin, die die Weltrevolution vor Augen hatte.[1] Gegner hatten Angst vor ihr, Angst vor ihren Inhalten! Denn sie konnte mit ihren Reden Massen von der Wahrheit überzeugen. Das zeigt auch ihre brutale Ermordung, in der sich die Kleinheit und Hilflosigkeit des Staates spiegelt, die gegen die Menschenwürde ihren Machterhalt konzipieren.

Wie leben? Wo anfangen?

Wenn wir uns dann in der unsrigen Welt daraufhin die Frage stellen: „Wie leben, Wo anfangen, Welche versteckten Erben liegen noch in der Geschichte verborgen, welche in der Gegenwart und der Zukunft, die geknüpft an unser Handeln, die Welt beeinflussen können?“ dann stellen wir die Frage der Existenz, oder des Menschseins, und des Kampfes. Die Frage, wie wir unseren Weg weiter beschreiten wollen…

Wie leben? Frei leben. Wie leben? Als starke Frau leben. Wie leben? Gerechtigkeit erkämpfend. Wie leben? Sozialistisch leben! 

Wie meine Freundin, sie trägt den Namen Besê. Als ich ihre Mutter danach fragte, warum sie sie Besê genannt haben, fing sie an die Geschichte einer Frau zu erzählen, die im Strom der Demokratie aufging und eins mit dem Feuer des Sozialismus wurde…

Bese Anuş, in den 60er Jahren in Pazarcix, Mereş geboren entschloss sich, nach dem Mereş-Massaker an ihrer Gesellschaft 1978, der kurdischen Freiheitsbewegung anzuschließen. Ab diesem Moment nahm sie immer aktiv eine kämpfende Rolle ein. Sie begab sich in eine tiefe Suche und hat diese Suche mit einer Entscheidung ihrer Lebensführung beantwortet.

Sie ist in die Dörfer ihres Heimatgebiets gegangen und hat Treffen mit Frauen, vor allem mit dem Thema Selbstverteidigung gegen den faschistischen, türkischen Staat, organisiert. Sie hat auf organisatorischer Ebene gezeigt wie man sich verteidigt und zugleich Bildung im Bereich des militärischen Kampfes gegeben. Sie hat es immer für sehr wichtig erachtet die Gesellschaft zu bilden, dass die Gesellschaft Bescheid weiß.
Gerade, weil Frauen zu dieser Zeit in Kurdistan, auf Grund der dominanten männlichen Mentalität als zu „schützende“ Ehre betrachtet wurden, wurde sie nicht von allen mit offenen Armen empfangen. Umso stärker musste der Kampf geführt werden. Dieser wurde mit großen Fortschritten geführt, jedoch nicht schmerzlos und vielmehr mit großen Schwierigkeiten. Es wurde immer gesagt, was für einen großen Einfluss die Freundin Besê in kürzester Zeit mit ihrer Haltung ausmachte. Sie war es, die die Frauenbewegung mit voranbrachte. Sie veränderte den klassischen Blick auf die Frau, sie beeinflusste die Frauen-Gerîla, wie auch die Gesellschaft. Alle Frauen, die zu dieser Zeit Teil der Revolution wurden – es wahren ohnehin nicht viele – gingen durch sie mit starken Glauben und Vertrauen gestärkt voran. Freundinnen, die mit ihr in dieser Zeit zusammen waren, berichten von ihrer Lebenserfahrung und ihrer gesellschaftlichen Persönlichkeit. Eine Weggefährtin erzählte einmal: „In der Zeit war unser Kommandant ein männlicher Freund, aber Heval Besê sah es immer als sehr wichtig an, auch ihren Blickwinkel mit einzubringen und hat stets die Vorreiterrolle eingenommen, um uns den richtigen Weg zu zeigen. Sie war eine Freundin, die immer vorausschauend war. Eines Tages, saßen wir ums Feuer herum und unterhielten uns. Da sagte unser Kommandant ‚Wenn ich fallen sollte, ist das kein Problem. Ich habe einen Sohn, der meine Waffe nehmen und an meiner Stelle weiterkämpfen wird. Aber wenn du fallen solltest hast du kein Kind, dass das Erbe deines Kampfs weiterführen wird.‘ Die Freundin Besê sagte lachend ‚Du hast einen Sohn, aber sollte ich als Märtyrerin fallen gibt es tausende Frauen Kurdistans, die meine Waffe übernehmen und auf den Bergen Kurdistans kämpfen werden.‘ Es war genau diese Haltung und ihr vorausschauender Blick der sie ausmachte und der in ihrem Erbe eine Frauenbewegung aufbauen lies.

Am 17. Mai 1981 fiel sie bei einer türkischen Operation in Mereş. Es sind diese Freundinnen, die mit ihrer Hingabe, ihrer Gesellschaftlichkeit, ihrer Verbundenheit zur Identität, der Nation der Frau, ihr Leben und auch das unsere ausmachen, so einen Wert gegeben haben, geben und geben werden. Durch sie lernen wir, was es heißt sozialistisch zu leben, kommunal zu handeln, als Frau und für die Gesellschaft zu handeln. Lernen gemeinsam zu handeln. Geschichte ist nicht nur etwas Geschriebenes, aber zeitgleich auch etwas Gelebtes. Es ist von großer Bedeutung die Erfahrungen, die gesammelt und gelebt wurden zu verstehen. Uns selbst die Fragen zu stellen: Wie haben sich die Frauen innerhalb der Gesellschaft bis zum heutigen Tag befreien können, welche Art von Kampf hat dorthin geführt? Wie schaut entsprechend unserer Zeit der richtige Kampf aus und was ist unsere Rolle darin?


[1] In Roza Luxemburgs Werk die „Akkumulation des Kapitals“ schreibt die über die Grausamkeit des Kolonialismus, Kriege, Ausbeutung, Unterwerfung regionaler Wirtschaftsform und der Natur.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *